Widukind Bierfreund

Mein Name ist Widukind Bierfreund. Geboren und getauft zu Bardowyk anno 1271. Aus der Christenkirche 1294 verstoßen, weil ich den alten Göttern zugetan bin und nicht abgeschworen habe. Nur durch Flucht gelang es mir, mit dem Leben davon zu kommen; aber ich greife zu weit vor.

Kapitel 1

Mein Vater Hadubrand Bierfreund, der Braumeister zu Bardowyk, gab mich mit 12 Jahren in die Lehre zum Reifer und Stellmacher Armin Wullwever, der jedoch im Winter 1285, drei Tage nach dem heiligen Abend zu Tode kam, kurz bevor ich meine Ausbildung beenden konnte. Weil kein anderer Stellmacher am Ort war, habe ich bis zum Frühjahr anno 1286 die Arbeiten meines Lehrmeisters allein und zu aller Zufriedenheit weitergeführt, doch die Zunftmeister zu Hamburg versagten mir den Gesellenbrief. So trat ich mit fünfzehn Lenzen, eigentlich viel zu alt, erneut in eine Lehre. Dieses Mal beim Zimmermannsmeister Thomas zum Pappelhain. Dieser war ein Säufer und kein guter Lehrherr. Er schrie viel und schlug um sich, wenn er meinte, daß seinen Lehrjungen und dem alten Gesellen Friedbert die Arbeit nicht rasch genug von der Hand ging. Es ging auch das Gerücht, er habe vor Jahren sein Weib erschlagen. Mit achtzehn Jahren geriet ich mit ihm in Streit, während wir den Dachstuhl einer Scheune errichteten. Er drosch auf mich ein, und im Handgemenge rutschte er mit dem Fuß vom Kehlbalken. Mein Meister fiel gut sechs Klafter tief auf den harten Lehmboden und brach sich den Hals. Auf der Stelle war er tot, der Hund. Durch die Aussage Friedberts, der den Vorfall aus nächster Nähe angesehen hatte, wurde ich vom Verdacht, Thomas zum Pappelhain gestoßen zu haben, entlastet. Für mich war der Tod des Meisters Anlaß, endlich auf die Walz zu gehen. Dafür fehlte mir zwar die Freisprechung durch die Zunft, aber dazu brauchte ich das Lehrzeugnis, das mir mein Meister wohl kaum noch ausstellen konnte. In der folgenden Zeit kam ich recht weit herum: Zuerst ging ich nach Neu Uelzen, dem der Herzog von Braunschweig im Jahr vor meiner Geburt das Stadtrecht ausgesprochen und in Löwenwolde umbenannt hatte. Dort wollte man wohl gern das Stadtrecht, nur an den neuen Namen mochten sich die Leute nicht recht gewöhnen, so blieb es dann bei Uelzen. Arbeit gab es dort wenig, daher blieb ich nicht lange. Ich kam nach Celle, wo Otto der Strenge einen Steinwurf von seiner Feste eine neue Siedlung anlegen ließ. Dort konnte ich eine Weile unter dem Baumeister Walther Steinbach mein Können unter Beweis stellen. Von ihm erhielt ich ein Lehrzeugnis und einen Brief an die Zunftmeister, durch den ich die Freisprechung erhalten sollte. Als ich schließlich Meister Steinbach nach 14 Monaten verließ, machte ich mich auf zum Zunfthaus in Braunschweig. Dort kannte man Walther Steinbach und zu meinem großen Glück hatte hier niemand etwas von Thomas zum Pappelhain und seinem Ableben gehört. Ich legte mein Zeugnis vor, und so war ich von nun an offiziell ein Wandergeselle.

In meinem zwanzigsten Jahr führte mich der Weg nach Hildesheim, Hameln und nach dem Flecken Bückeburg im Bistum Minden. Im Jahr darauf nach Sulingen, Bassum und schließlich nach der Hansestadt Bremun. In dieser Zeit fühlte ich mich mehr und mehr dem Glauben meiner Ahnen verpflichtet. Während ich mich an der Bauhütte des Kanonissenstiftes Bassum verdingt hatte, schnitzte ich Runen in die Sparren der Stiftskirche und versah das Kruzifix kehrseitig mit dem Thorshammer. In Bremun nun hörte ich unter den Seeleuten Gerüchte, daß der hamburgische Hafen, wo im vorigen Jahr ein großer Kran errichtet worden war, bald größer werden solle als jener von Lubeca. Es hieß, es würden Zimmerleute gesucht und besser bezahlt als sonstwo. Ich zögerte nicht, nach Hamburg zu eilen. Ich konnte auf einer Schnigge anheuern, die als Depeschenschiff des Erzbischofs zu Bremun und Hamburg, Giselbert von Brunkhorst, Weserabwärts nach der Insel Neuwerk fuhr und dann elbaufwärts nach Hamburg. Unterwegs verrichtete ich kleinere Reparaturen und war in nur drei Tagen den ganzen Weg von Bremun nach Hamburg gereist.

In Hamburg angekommen erwartete mich ein unerhörtes Treiben. Und ja, wahrhaftig waren Zimmerleute und Gesellen aller anderen Gewerke gesucht. Wer halbwegs geschickt war, konnte sich einer guten Entlohnung sicher sein. Es gereichte mir zum Vorteil, daß ich einige Jahre beim Stellmacher in die Lehre gegangen war, bevor ich den Zimmermannsberuf ergriff. Ich brachte die Fähigkeiten mit, die zum Bau von Stauklappen nötig waren. Solche wurden hier gebraucht, weil die Wasser des Alster- und des Billeflusses umgelenkt werden sollten, um in dem neuen Hafenbecken für eine ausreichende Wassertiefe zu sorgen. Die Inseln Cremon und Grimm waren eine riesige große Baustelle und zwischen ihnen und dem nördlichen Elbufer entstand „Dat Deep“. Ich verdiente gutes Geld und hatte schon bald drei Zimmerleute und einen Schmied unter mir, die nach meinen Weisungen arbeiteten. Doch wo Erfolg ist, sind die Neidinge nicht weit. Den Zunftmeistern der Reifer und Stellmacher ist zugetragen worden, daß hier einer mit Eisen arbeitet, der weder Schmied noch Reifer ist, sondern Zimmermann. Ich wurde vor die Kammer gerufen und mußte Zeugnis ablegen. Ich erzählte von meiner Lehre bei Meister Wullwever in Bardowyk und meinen Werdegang, wie ich ihn Euch bis hier berichtete. Man verbot mir, die Arbeit fortzusetzen, bis Kunde von dort eingeholt sei, wo ich bisher wirkte. Drei lange Wochen wartete ich vollkommen arglos und ohne Geduld auf die Rückkehr des Boten, wollte ich doch endlich meine Arbeit fortsetzen.. Als aber der, der in meiner Sache ausgesandt worden war, seinen Bericht vortrug, war mein bisheriges Leben in einem Augenblicke vorbei.

Dem Zimmermannsgesell Widukind Bierfreund, vorgeladen vor die hohe Kammer der Stellmacherzunft, wird zur Last gelegt, ohne einen Gesellenbrief, der ihn dazu berechtigt, eiserne Werkstücke angefertigt zu haben. Wir erfuhren, daß er nach dem Tode des Meisters Armin Wullwever dessen Werkstatt ganze fünf Monate lang ohne Gesellenbrief und ohne Zustimmung der Zunft eigenmächtig zu übernehmen versucht hat. Schon damals hat er uns frech um die Freisprechung ersucht, ohne ein Lehrzeugnis vorzulegen. Wir empfehlen dem Präses der Zunft an, dem Widukind Bierfreund unverzüglich den Umgang mit Eisen zu verbieten. Des weiteren haben wir erfahren, daß der honorige Zimmermannsmeister Thomas zum Pappelhain in einem Streit mit dem hier vorgeladenen in ungeklärten Umständen zu Tode kam. WEITER erfuhren wir, daß an allen Orten, in denen der Widukind Bierfreund in Stellung gewesen ist, sich an den Werkstücken, mit denen er zu tun hatte, heidnische Symbole entdeckt wurden. Wir empfehlen daher der Zunft der Zimmerleute zu Braunschweig, die seinen Gesellenbrief ausgestellt hat, den Widukind Bierfreund auf immer auszuschließen. Der heidnischen Symbole wegen wird sich ihm sicherlich der Erzbischof annehmen wollen.“

Und so kam es auch. Am nächsten Tage wurde ich von zwei bewaffneten Männern der Stadtwache in Begleitung eines Mönchs geweckt. Ich hatte mein Nachtquartier auf dem Lastkahn des Johannes Fischer, den ich vor nunmehr einem halben Jahr kennengelernt hatte und der wie ich, im Geheimen den alten Göttern anhing. Eine der Wachen stieß mich mit dem Stiel seiner Hippe in die Seite und als ich mich regte, hob der Geistliche seinen Sermon an, ich habe mich in das Gewahrsam der Kirche zu begeben und dort auszuhalten, bis der Erzbischof Giselbert das nächste Mal nach Hamburg käme und über meinen Fall entscheiden wolle. Ich ging mit, und in weiser Voraussicht lies ich den Beutel mit meiner Habe und vor allem, mit meinen Ersparnissen, auf dem Kahn bei Johannes zurück.

Kapitel 2

Das Gewahrsam der Kirche war leicht auszustehen. Ich bekam regelmäßige Mahlzeiten und hatte zum ersten Mal in meinem Leben einen eigenen Strohsack zum Schlafen. Das schlimmste war noch, daß es morgens arg früh anging mit der Betriebsamkeit. Kaum, daß der Hahn gekräht hatte, mußte ich zur Morgenandacht mitgehen. Nicht nur sonntags, sondern jeden Morgen. Es war mir vollkommen schleierhaft, was ich zwischen all den Mönchen sollte, die Lieder sangen, die ich nicht kannte, in einer Sprache, die ich nicht verstand. Das ging mich schon hart an. Doch war das erst einmal durchgestanden, geleitete mich Bruder Sebastian wieder in meine Zelle in einem der zum Mariendom gehörigen Wirtschaftsgebäude. Der alte Mönch war wohl so um die fünfzig Jahre und konnte nicht mehr gut sehen. Jahrelang hatte er in schummerigen Kammern gehockt und heilige Texte abgeschrieben. Jetzt waren seine Hände von der Gicht gezeichnet und die Augen trüb geworden, so daß er keine großen Taten mehr vollbringen konnte. Er war bartlos und auch sein graues Haupthaar wuchs nicht mehr besonders voll. Schwer zu sagen, ob die runde, kahle Stelle eine Tonsur war oder ob es sich um gottgewollten Haarausfall handelte. Aber ich will ihn nicht lästern, denn er war ein lustiger Geselle und freundlich gegen jeden, den er traf. Auch seine Eßlust schien nicht unter den körperlichen Gebrechen zu leiden, die Kutte war vorne herum wohl gespannt. Kurzum, ihm wurden die Aufgaben übertragen, die er noch erfüllen konnte und dazu gehörte auch, sich regelmäßig darüber zu versichern, daß ich noch nicht das Weite gesucht hätte. Mir stand der Sinn auch nicht danach zu fliehen, und das hatte gute Gründe:

Bruder Sebastian hatte erwähnt, daß jedesmal, wenn Erzbischof Giselbert käme, er eine Woche vorher Bescheid gebe, damit rechtzeitig dafür gesorgt würde, seine Leibgerichte zuzubereiten. Da es zu den Arbeiten gehörte, die ich zu verrichten hatte, die Lieferungen der Marktleute in den Vorratskeller zu schaffen, war ich mir sicher, daß ich rechtzeitig davon erführe. Ich wähnte mich also sicher. Auch hatte ich Sebastian überreden können, mich in meiner freien Zeit das Schreiben zu lehren. Zwar hatte mein Vater es mir als Kind an Hand von Braurezepten beizubringen versucht, aber ich verlor damals schnell das Interesse. Das beste aber war, daß ich nach einer Weile, es waren vielleicht sechs Wochen seit meiner „Inhaftierung“, so viel Vertrauen genoß, daß man mich tagsüber Hilfsarbeiten im Braukeller verrichten lies. Der Braumeister hier war Bruder Ansgar. Nun, lieber Leser in der fernen Zukunft, es handelt sich hier natürlich nicht um den heiligen Ansgar, obwohl dieser Mann für das Bier, daß in seinen Kesseln entstand, wahrlich die Heiligsprechung verdient hätte. Wie allen, die in der Brauerei arbeiteten, wurde auch mir ein Naturalteil zugestanden. Es ging mir richtig gut.

Seit der Verhandlung vor der Kammer war nun schon mehr als ein halbes Jahr vergangen und vom Erzbischof war noch kein Rockzipfel zu sehen. Eines Morgens war es nicht Bruder Sebastian, der mich weckte, sondern Bruder Gregorius, ein dürrer Miesepeter. Er mochte um die fünfunddreißig Jahre alt sein, vielleicht auch vierzig. Bevor Gregorius Benediktiner wurde und seinen Ordensnamen erhielt, so hatte mir Bruder Sebastian berichtet, hieß er noch Balthasar Mühlenkamp. Er komme wie ich aus Bardowyk, und ob ich die Familie kennte, fragte Sebastian. Ich sagte ihm, der Name sei mir nicht geläufig, und das war gelogen. Das Weib meines Lehrmeisters Thomas zum Pappelhain war eine geborene Raike Mühlenkamp. Als sie ihm keine Kinder gebar, fing er an, sie mehr als nötig zu schlagen, und manchmal hatte er sie so übel zugerichtet, daß sie drei Tage lang nicht zum Markt gehen konnte. Eines Tages jedenfalls, ich muß so etwa zehn gewesen sein, fand man sie tot mit eingeschlagenem Schädel und zerfetztem Gewand im Wald. Der todtraurige Witwer erklärte damals, sie sei zum Pilze suchen ausgegangen und offenbar Opfer eines Überfalls geworden, aber in jenem Teil des Waldes war der Boden nicht gut für Pilze, dort waren sie klein und gering an der Zahl. Jeder in Bardowyk hatte davon gehört, und so manch einer mutmaßte, daß der Überfall wohl eher im eigenen Heim stattgefunden habe, aber die Obrigkeit ging nicht gegen den Handwerksmeister vor.

An besagtem Morgen fragte ich Bruder Gregorius, was mit Bruder Sebastian sei, warum nicht er komme, um mich zur Andacht zu treiben. Ich bekam zur Antwort, Bruder Sebastian habe schwere Kolliken und sei Bettlägerig. Ich solle fest für ihn beten, auch wenn das von mir als Abtrünnigen Heiden vielleicht zuviel verlangt sei. Ich nahm mir vor, nach dem morgendlichen Singsang zu Sebastian zu gehen und nach ihm zu sehen. Die Zeit in der Kapelle nutzte ich üblicherweise für eine zusätzliche Stunde Schlaf, aber heute ging mir der kranke, alte Mann im Kopf herum. Vielleicht hätte ich sonst auch gar nicht bemerkt, daß Gregorius unablässig zu mir herüber sah. Seinen Blick konnte ich nicht recht deuten; jedoch schien es ihm nicht darum zu gehen, auf mich aufzupassen. Im Anschluß eilte ich zum Schlafsaal der Mönche und fand Sebastian in seinem Bett. Bei ihm war einer, den ich nicht kannte. Er war groß, hatte dunkles Haar und trug eine einfache Kutte, aber nicht wie sie die Benediktiner trugen. Als ich näher kam, hörte ich ihn sagen, das sei die Strafe des Gottes für die Völlerei, der Sebastian sich hingebe, das ginge vorbei, wenn er sich nur auf die Kost beschränke, die ihm empfohlen sei. Dann bemerkte er mich und sah mich an, daß es mich schaudern machte. Er musterte mich von Kopf bis Fuß und sprach: „Hier haben wir wohl den Grund für meinen Besuch.“

Ich hatte mich von der ersten Einschüchterung erholt und erwiderte: „Wo ich herkomme, gilt es als schlecht erzogen, sich nicht vorzustellen. Da Ihr offenbar wißt, wer ich bin, frage ich mich, wer ihr wohl seid.“

Er tat einen Schritt auf mich zu, so daß nur etwas mehr als eine Handbreit zwischen seiner und meiner Nasenspitze war, und sein Blick verhärtete sich noch mehr. Zwischen den Zähnen preßte er hervor: „Ich bin die heilige Inquisition. Mein Name ist Pater Benedictus und ich verbrenne uneinsichtige Ketzer.“

Am nächsten Tag solle mir der Prozeß gemacht werden. Meine Planung war dahin, weil der Erzbischof offenbar wichtigere Dinge zu tun hatte, als sich höchstselbst um mich zu kümmern. Statt dessen wurde dieser Bluthund auf mich losgelassen. Meine Gedanken rasten. Ich war mir so sicher gewesen, für meine Fluchtvorbereitungen genug Zeit zu haben, daß ich nun ohne jeden Ausweichplan dastand. Bei dem Versuch, abermals zu Sebastian zu gelangen, stellte ich fest, daß meine Kammertür nunmehr von zwei Wachen gesäumt war, die mich am Verlassen hinderten. Und weil vor einigen Tagen die Fastenzeit begonnen hatte, gab es tagsüber auch keinen Gang zum Speisesaal. So hatte ich mir das nicht vorgestellt! Am Nachmittag öffnete sich die Türe, und Bruder Gregorius kam herein. Er sagte, der Pater wolle mich einer Befragung unterziehen. Um mich zu ihm zu führen, band Gregorius mir die Hände. Aber der Mönch war entweder über die Maßen ungeschickt darin, oder er lies den Strick absichtlich so locker um meine Handgelenke, daß ich mich jederzeit hätte befreien können. Um diesen Umstand im rechten Augenblick nutzen zu können, hielt ich ersteinmal still. Auf dem Weg sprachen wir beide kein Wort. Ich hatte von Befragungen gehört, bei denen unter Einsatz von glühenden Eisen und Daumenschrauben Geständnisse erzwungen wurden. Mich schauderte. An den restlichen Weg erinnere ich mich kaum noch; nur daran, daß Gregorius an eine schwere Eichentür pochte, die das Ende eines Ganges markierte.

Der Schreibsaal war für den bevorstehenden Prozeß umgeräumt worden. Die Stehpulte, an denen sonst tagein, tagaus Bibeltexte kopiert wurden, waren ganz an die Wände gestellt, um in der Mitte des Raumes Platz für einen Tisch zu schaffen, an dem der Inquisitor nun Platz genommen hatte. Er saß auf einem Holzschemel und hatte vor sich auf dem Tisch ein Buch, in dem er las und daneben einige Dokumente mit Siegeln und aufwändigen Verzierungen. Als wir eintrafen, lies er uns einen Moment warten, bis er aufblickte; dann bedeutete er Gregorius, den Saal zu verlassen.

Widukind Bierfreund,“ sagte er, als wir unter uns waren.

Meinen Namen kenne ich. Aber du hast mir noch nicht gesagt, was mir vorgeworfen wird.“

Was dir vorgeworfen wird, ist ohne Belang. Deine kleinen Ketzereien interessieren mich nicht. Ich werde an Dir ein Exempel statuieren; brennen wirst Du, so oder so.“

Aha. Ehre sei Gott in der Höhe, wie?“

Er sprang von seinem Schemel auf, daß dieser hinter ihm umstürzte. „Wage es nicht, im Angesicht der Inquisition den Namen des Herrn zu lästern!“, schrie er und stürmte um den Tisch herum auf mich zu. „Wegen der Schändung des Kruzifixes in einer Stiftskirche spreche ich dir hiermit die Excommunicatio latae sententiae aus. Du bist aus der Christengemeinschaft ausgeschlossen, Ketzer!“ Sein Gesicht war nun Puterrot und schon wieder war er so dicht an mich herangerückt, daß ich die Adern auf seiner Stirn pulsieren sehen konnte. Ich hatte derweil die Hände frei und mit dem Strick eine Schlaufe geformt. Der Inquisitor war so überrumpelt als ich sie ihm über den Kopf streifte, daß er keinen Laut von sich gab. Und als ich die Schlinge zuzog, konnte er es auch gar nicht mehr. Der Pater versuchte, nach mir zu treten, stolperte aber über seine Füße und kam zu Fall. Jetzt hing er mit dem Rücken zu mir in der Schlinge, die sich dadurch noch enger um seinen Hals schloß. Mit dem Mund an seinem Ohr sagte ich sehr leise und in ruhigem Ton:

Hör mir gut zu, du mieser Mordbrenner. Vielleicht ist mein letzter Tag gekommen, aber davon wirst du nichts mehr mitbekommen. In wenigen Augenblicken wirst du deinem Schöpfer gegenübertreten und Rechenschaft ablegen müssen über das, was du getrieben hast. Denn mag ich auch kein Christ sein, soviel verstehe ich doch, daß du zuerst Buße fordern und Reumütigen die Absolution aussprechen mußt. Und leider wird Dir niemand mehr die Beichte abnehmen. Alles, was Odem hat, lobe den Herrn. Dir fehlt der Odem, wie es scheint.“

Er zappelte und gluckste, aber er kam nicht frei. Der Strick schnitt mir in die Finger, also versuchte ich, einen Knoten zu schlagen, ohne den Zug nachzulassen. Als es mir gelungen war, warf ich den sich windenden Körper von mir, der sodann unsanft mit dem Kopf auf den Boden schlug. Der Pater war nun ohne Bewußtsein, sein Leib zuckte aber noch in der vergebenen Bemühung Luft zu atmen. Wie ein Fisch, dachte ich. Und genauso eiskalt. Irgendwann war der Kampf zu Ende.

Ich sah mir die Urkunden an, die auf dem Tisch lagen. Darunter war eine, die den Inhaber als Mitglied der Inquisition auswies, ein Brief des Erzbischofs an Benedictus, daß er sich meiner annehmen möge, eine lateinische Schrift von etwa einem Dutzend Seiten, die ein gewisser Bernardus Guidonis verfaßt hatte und eine Bibel. Außerdem lag seine Ledertasche auf dem Tisch, in die ich alles dies verstaute. Dann hob ich den leblosen Körper des ehemaligen Inquisitors auf, entledigte ihn seiner Kutte und des metallenen Kreuzes, das er an einem Lederband um den Hals hängen hatte. Das Kreuz kam mit in die Tasche; den Toten, der erstaunlich leicht war, legte ich in einer Nische des Raumes ab, wo hinter einem Vorhang Dinge aufbewahrt wurden, die die Schreiber benötigten, die hier sonst arbeiteten. Der Pater trug zwei Silberringe, deren einer, der am Ringfinger der linken Hand war, leicht vom Finger ging. Dies war ein Ordensring der Dominikaner. Der andere, der Inquisitorenring, den er rechts trug, saß fester, aber mit Spucke lies sich auch dieser abstreifen. Ich warf mich in die Kutte, hängte mir die Tasche über die Schulter und versuchte, mir die Ringe anzustecken. Die Hände des Paters haben nie hart gearbeitet, daher hatte er auch keine kräftigen Glieder. Ich konnte mir die Ringe eben gerade auf die kleinen Finger stecken. Das sah albern aus, also kamen auch die Ringe in die Tasche. Als ich die Tür des Schreibsaals in der Kutte des Dominkaners öffnete, traf mich fast der Schlag, denn im Flur hatte Bruder Gregorius die ganze Zeit gewartet. Er sah mich an wie von Donner gerührt, aber er verstand schnell.

Ich kann Dich hier herausbringen, ohne Aufmerksamkeit zu erregen,“ brachte er hervor.

Kann ich Dir trauen?“

Ich weiß, daß Thomas zum Pappelhain durch Deine Hand gestorben ist. Es ist mir gleich, ob aus Absicht oder Versehen. Du hast vollbracht, wozu ich nicht fähig war, und dafür bin ich Dir etwas schuldig.“

Raike Mühlenkamp!“ sagte ich. „Du bist ihr Bruder!“

Ja. Sie war die jüngste von uns und mußte an dieses Monstrum geraten. Um ihretwillen bin ich Mönch geworden.“

Kapitel 3

Gemessenen Schrittes folgte ich Gregorius durch Wirtschaftsgänge, die jetzt, am späten Nachmittag, selten benutzt wurden. In Kürze würde im Speisesaal das Abendbrot gereicht, wir trafen niemanden.

Gehe zum Stall und bereite Benedictus‘ Ochsenkarren zur Abfahrt. Ich werde im Speisesaal Deine Abwesenheit erklären und mich selbst so bald wie möglich wieder entfernen.“

Als ich in der Mönchskutte den Hof überquerte, hatte ich die Kapuze übergezogen, um nicht erkannt zu werden. Ha, dachte ich, als ob es hier mehr als einen Dominikanermöch gäbe, einfach lächerlich. Aber die Götter waren mit mir, niemand sah mich, niemand schöpfte Verdacht. Ich fand den Karren, mit dem Benedictus gekommen war und führte den Ochsen zwischen die Scherbäume. Der Ochse, der nun gewahr wurde, daß er zu dieser Stunde noch Arbeit verrichten solle, verlieh seiner Unlust mit einem lauten, wohl vernehmlichen „MOOOUUUUHH!“ Ausdruck.

Still, Du Rindvieh!“ Zischte ich. „Sonst kommst Du an den Spieß!“

In diesem Augenblick tauchte Bruder Gregorius hinter mir auf und legte seine Hand auf meine Schulter. Ich fuhr zusammen. „Hah!“ entfuhr es mir und ich schnellte herum. Ich erkannte Gregorius und atmete durch. Mit den Worten „Los, schnell, Du rechts, ich links“, drückte ich ihm einen Teil des Geschirrs in die Hand und wir spannten den Ochsen an. Ich legte die Tasche hinter dem Bock auf den Wagen und stieg auf. Gregorius, der einen Beutel mit Proviant gepackt hatte, tat es mir gleich.

Du kommst mit?“ fragte ich.

Ich bin ins Kloster gegangen, weil ich den Tod meiner Schwester nicht verwinden konnte und auch nicht die Kraft hatte, sie zu rächen. Nicht, weil ich das vergeistigte Leben gesucht hätte. Jahr um Jahr habe ich die Wut in mich hinein gefressen. Durch Dein Erscheinen hier hat sich vieles geändert. Du…“

Kannst Du mir später erzählen, laß uns nur hier wegkommen.“ und auf einen zarten Hieb mit der Gerte setzte sich der Ochse in Bewegung.

Und wohin geht es jetzt? Hast Du einen Plan?“

Erstmal zu Johannes.“

Es war Anfang März und der Abend dämmerte früh. Wir erreichten den Hafen im Zwielicht, und ich erkannte, wie weit die Bauarbeiten schon fortgeschritten waren. Vieles hatte sich verändert; Das machte es nicht leichter, in der einsetzenden Düsternis den Kahn von Johannes auszumachen. Es gelang schließlich und ich stieg vom Karren.

Du bleibst hier. Ich komme gleich wieder.“

Ich bemühte mich, meiner Kleidung entsprechend den Anleger hinunter zu schreiten. Vor dem Kahn angelangt, rief ich Johannes beim Namen, bekam aber keine Antwort. Ich rief nochmal, aber es blieb still. Also bestieg ich das kleine Schiff und bekam prompt eins übergebraten.

Aua! Verdammter Dreck!“

Widukind?“

Ja. Was soll der Knüppel?“

Was soll die Verkleidung? Das letzte Mal, als hier ein Mönch auftauchte, hat er Dich mitgenommen. Bist Du jetzt einer von denen?“

So weit kommt’s noch. Habe ich mir geliehen, bei der heiligen Inquisition.“

Johannes zog eine Augenbraue hoch. „Geliehen.“

Ja, gewissermaßen. Und jetzt muß ich möglichst schnell möglichst weit weg, bevor jemand von der Leihgabe erfährt. Ist mein Zeug noch da?“

Sicher. Wo Du es zurückgelassen hast.“

In der Backskiste fand ich unter diversen Hemden und Hosen meine Werkzeuge und den Beutel mit Hacksilber. Ich warf die Kleidung über den Werkzeugkasten und wandte mich meinem Freund zu. „Danke, Johannes. Ich kann Dir nicht sagen, wohin ich gehe, ich weiß es selbst nicht. Aber um Deinetwillen, wenn jemand nach mir fragt, Ich war nie hier.“

Will ich wissen, wer nach Dir fragen wird?“

Sicher nicht.“

Na, sei‘s drum. Ich hatte das Baugeschäft ohnedies satt. Dann wende ich mich wohl wieder der Fischerei zu.“

Wir umarmten uns kurz aber herzlich, dann verließ ich mit meiner Habe den Kahn und erreichte wenige Augenblicke später Gregorius, der immer noch sehr nervös auf mich wartete. Er war zwischenzeitlich abgestiegen und hielt sich im Schatten zwischen zwei Stapeln gebrannter Ziegel. Ich stellte das Werkzeug auf den Karren und deckte den Kasten mit dem Zeug ab. Die Ringe des Inquisitors wanderten zu meinem Hacksilber.

Wohin jetzt?“ fragte mich Gregorius, als wir wieder aufsaßen.

Von hier haben wir drei Möglichkeiten. Wir können nach Osten, Richtung Bardowyk, nach Westen, Richtung Bremun und nach Norden, Richtung Ahrensfelde und weiter nach Lubeca.“

In Bremun sitzt Erzbischof Giselbert.“

Und in Bardowyk kennt man uns. Wenn man uns sucht, dann sicher zuerst dort, woher wir stammen.“

Also nach Norden.“

Hast Du die Ostsee schon mal gesehen? Ich noch nicht. Auf geht‘s!“

Wer schon einmal mit dem Ochsenkarren gereist ist, weiß, daß der Vorteil zum Fußgänger nicht in der Geschwindigkeit besteht, sondern darin, daß man nicht selber laufen muß. Wir verließen Hamburg kurz vor Toresschluß durch das Steintor und fuhren, bis spät in die Nacht. Aus Angst vor Räubergesindel hatten wir zu unserer Sicherheit ein Stemmeisen unter die Bank gelegt, mit dem Wir uns im Fall eines Überfalls verteidigen wollten. Aber nichts derartiges geschah und wir erreichten die Siedlung Radoluestede. Es gab dort nicht viel, aber immerhin eine Taverne, wo zu dieser Stunde noch das Leben tobte. Wir konnten den Ochsen versorgen lassen und bekamen eine Unterkunft für die Nacht. Das wäre mir in der Zimmermannskluft sicherlich weniger leicht gefallen, aber zwei Ordensbrüdern auf Reisen verwehrte niemand ein Nachtlager. Am nächsten Morgen erkundigten wir uns beim Wirt nach dem Weg nach Berjedorp, um eine Falsche Spur zu legen und ließen einige Kupfermünzen da. Wir fuhren dann zunächst in südlicher Richtung ab und machten einen weiten Bogen, um wieder nach Norden zu drehen, der großen und mächtigen Hansestadt Lübeck entgegen.

So reisten wir zwei Tage und erreichten schließlich das Bistum Ratzeburg. Dort, in der Domstadt, gab es ein Augustinerkloster. Gregorius konnte die Mönche vielleicht täuschen, was seine Identität anginge, aber ich würde auffliegen. Wir trennten uns, bevor wir in die Stadt kamen. Gregorius bekam die Ledertasche des Inquisitors mit der Bibel und einen Wanderstab, den wir aus dem Unterholz am Wegrand gesucht haben. Ich steuerte unser Gefährt ans Ufer des Küchensees, der südlich der Stadt lag, stieg aus der Kutte und legte meine Arbeitskleidung an, in der ich mich wieder wohl fühlte. Und erst als ich den Gürtel schloß, an dem meine kleine Handaxt hing, war ich ich selbst. Gregorius bekam einen halben Tag Vorsprung, und ich nutzte die Wartezeit, um den Karren ein wenig umzugestalten. Den Ochsen hatte ich an einen Baum gebunden und ihm genug Leine gelassen, daß er sowohl das Gras erreichen konnte, das an dem Weg wuchs, den wir zum Ufer heruntergekommen waren, als auch das Wasser am seichten Ufer.

Nach einigen Stunden am See spannte ich den Ochsen wieder an. Als ich aufsteigen wollte, hörte ich von hinter mir die Worte:

Geld oder Leben, Zimmermann!“

Ich schaute über meine Schulter nach hinten und sah nur einen einzigen Räuber mit einem rostigen Sax. Möglicherweise gab es aber noch mehr, die sich im Gehölz versteckten. Ich stand immer noch dem Karren zugewandt. Meine rechte Hand wanderte unter den Bock, wo das Stemmeisen lag. Meine Finger schlossen sich um den Griff, dann fuhr ich herum, schlug mit der linken auf die Hand mit dem Sax und machte mit der rechten einen Ausfall nach vorne. Das Stemmeisen bohrte sich dem Räuber durch den Lederwams in die Brust. Als ich es wieder herauszog, rann ein kräftiger Schwall hellrotes Blut aus dem Loch, das das Werkzeug in dem Leder hinterlassen hatte. Der Räuber blickte mich verdutzt an, sank dann auf die Knie und hauchte sein Leben aus.

Schon wieder!“, stöhnte ich. Ich überlegt, was nun zu tun sei. Als erstes zog ich ihm den Wams aus und wusch das Blut im Seewasser ab. Das Leder war ordentlich gefettet – oder war es einfach nur speckig? – und nahm kaum Wasser auf. Nach der Reinigung sammelte ich noch das Sax ein und besah mir den Räuber nocheinmal. In seiner Geldkatze hatte er nicht viel, aber er hatte ein paar Ringe, zwei aus Silber und einen schweren aus Gold. Mir kam eine Idee. Ich steckte dem Räuber die Ringe an, die ich Benedictus abgenommen hatte und kassierte seine Geldkatze und seine Ringe ein. Den Lederwams hängte ich zum Trocknen an den Spriegel. Dann wuchtete ich den leblosen Körper auf den Wagen und fuhr vor das Ratzeburger Stadttor. Zwei Wachen standen davor, die beide nicht besonders gescheit aussahen. Einer dick, einer dünn. Der Dicke konnte sprechen.

Halt an!“ wies mich die Wache an, und ich leistete Folge. „Wes Grundes begehrt er Einlaß?“ Wollte er wissen.

Nun,“ fing ich an, „eigentlich wollte ich nur zum Viehmarkt, aber nun hat mich vorhin am See dieser Räuber angegriffen, den ich zu meinem großen Glück überwältigen konnte.“ Und wies auf den schlaffen Leib hinter mir auf dem Wagen.

Und warum bringst Du den mit? Hau ab, bevor der zu stinken anfängt.“

Seht, Herr,“ ich sprang vom Bock und zeigte dem Wächter die Hand mit den heiligen Ringen. „Ich habe gedacht, dieser schlimme hat womöglich einen heiligen Mann überfallen und ihm die Ringe genommen.“

Sapperlott!“ Entfuhr es dem dicken. Er wies mir den Weg zum Kloster und ließ mich passieren. „Viehmarkt ist am Dienstag!“ rief er hinter mir her.

  1. Das Fette Ö – 25 Jahre MPS

    September 1 @ 08:00 - September 4 @ 12:00
  2. Ruf der Ritter

    September 14 @ 08:00 - September 19 @ 17:00
  3. MPS Hohenlockstedt

    September 29 @ 08:00 - Oktober 2 @ 11:00